Wirtschaft ist Psychologie

Was brauchen Unternehmen, um die Corona-Krise bestmöglich zu überstehen und wie wird die Wirtschaft danach aussehen? Ein Gespräch mit dem Bau-Unternehmer und Wiener Wirtschaftskammer Präsidenten Walter Ruck über Digitalisierung, Innovation und das Problem der Ungewissheit.

Lesezeit: ca. 6 min

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Am Dienstag den 14. April waren nach einem Monat wieder 14.300 Geschäfte für Kunden geöffnet – ein erster Schritt in Richtung Normalisierung. Wie gut hat die Wirtschaft den Shutdown bislang überstanden?

Die Wirtschaftsforscher von Wifo und IHS rechnen damit, dass das BIP im Jahr 2020 um rund fünf Prozent sinken könnte. Wir hatten also definitiv schon bessere Zeiten und vermutlich wird die Lage auch noch länger angespannt bleiben. Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer.

Welche?

Wir hoffen zum Beispiel immer noch, dass der Zeitraum der Einschränkungen möglichst kurz gehalten werden kann. Wie rasch wir wirklich wieder in den Normalzustand zurückkommen werden, ist allerdings schwer vorherzusagen.

Zumindest können jetzt wieder viele Betriebe öffnen. Es ist nur fraglich, wie die Kunden reagieren. Wie war bislang das Feedback vom Handel?

Natürlich waren alle überrascht, wie stark die Baumärkte gestürmt wurden. Die Erwartungen waren generell nicht besonders hoch. Nach der Phase der Einschränkung konnte niemand absehen, wie die Möglichkeit Einzukaufen angenommen wird. Die Erfahrungen aus dem Handel zeigen, dass die Kunden bislang noch recht zurückhaltend sind. Allerdings haben viele Geschäftsinhaber, die öffnen dürften, auch noch geschlossen, weil sie bis nächste Woche abwarten wollen. Genaueres werden wir also vermutlich erst in ein paar Tagen wissen. Wie immer gilt: Wirtschaft ist Psychologie. Das Signal zu öffnen war unheimlich wichtig.

Die Ausbreitung des Virus scheint unter Kontrolle zu sein, womit der Blick auf die Folgen wieder frei wird. Rechnen Sie, wie viele Experten, mit einer Finanzkrise im Nachgang der Pandemie?

Dazu gibt es eine positive und eine nicht so positive Einschätzung. Die positive: Österreich hat bis jetzt optimal auf die Herausforderung reagiert. Die Maßnahmen sind geeignet, um schnell aus der Krise herauszufinden. Die nicht so gute Einschätzung: Wir sind ein Land, das von Export und internationalen Verflechtungen abhängig ist. Und hier bleibt abzuwarten, wie es zum Beispiel wichtigen Exportmärkten wie Deutschland und Italien gehen wird. Das können wir nicht beeinflussen. Wenn aus der Gesundheitskrise auch eine Wirtschaftskrise wird, dann könnte es auch auf lange Sicht gesehen schwierig werden. Die Bandbreite der Szenarien ist extrem groß. Einschätzungen sind deshalb gerade nicht sehr verlässlich.

Tatsächlich kann noch niemand sagen, wie sich die Infektionszahlen und damit das öffentliche Leben in den kommenden Wochen und Monaten gestalten werden. Betriebe müssen trotzdem irgendwie planen. Wie können sie sich auf diese Phase einstellen?

Das ist die große Schwierigkeit. Wir wissen nicht, wie sich die Möglichkeiten gestalten werden. Am schlimmsten wäre es, wenn Öffnungen wieder zurückgenommen werden müssten. Ich selbst mache es als Unternehmer so: Ich fahre jetzt nur mehr auf halbe Sicht. Denn es kann auch sein, dass die Öffnungen dazu führen, dass die Ansteckungsraten wieder wachsen und man den Kontakt wieder zurückfahren muss. Das fürchte ich ein wenig. Solche Wellen sind für Unternehmen besonders belastend. Die Öffnungskosten und Schließungskosten sind immer überproportional hoch.

Bei diesem Spektrum an Ungewissheit ist es vor allem extrem schwierig, richtige Personalentscheidungen zu treffen.

Deswegen wurde auch bei der Kurzarbeit fast stündlich nachgebessert. Sie ist ein enorm wichtiges Instrument, damit man zum Zeitpunkt des Wiederanfangs Personal hat und bis dahin die Flexibilität, das Ausmaß anzupassen. Kurzarbeit ist allerdings eine Methode, die nur über ein paar Monate helfen kann. Sie ist kein langfristiges Instrument.

Wo könnten wir denn nach den sechs Monaten stehen, auf die Kurzarbeit ausgelegt ist?

Im Idealfall steht in sechs Monaten eine Medikation zur Verfügung, wir haben die Sterblichkeit im Griff, müssen zwar noch vorsichtig sein, aber das Leben geht wieder halbwegs normal weiter. Wir lernen ständig dazu und die Datenbasis wird täglich besser. Dadurch können wir auch bessere Lösungen entwickeln. Aus meiner Sicht wird der 1. Mai spannend. Zu diesem Zeitpunkt werden wir sehr genau sehen, wie sich die Öffnung ausgewirkt hat.

Was brauchen die Unternehmen, um wieder optimal hochfahren zu können?

In einer Zeit, in der man nicht weiß, was das Morgen bringt, ist das Wichtigste, dass Informationen zeitgerecht und korrekt sind. Die Regierung bemüht sich sehr, richtig und rasch zu informieren, wohin die Reise geht. Damit Unternehmen so gut wie möglich planen können, müssen sie auf Basis der vorhandenen Infos laufend ihre Möglichkeiten bewerten und in verschiedenen Szenarien denken. Dabei sind nun der Informationstakt und die Häufigkeit dieser Updates ganz entscheidend. Darüber hinaus brauchen Betriebe Zuversicht und Optimismus.

Sehen Sie auch Chancen in der Entwicklung?

Ich möchte Plattitüden vermeiden, aber natürlich birgt jede Herausforderung auch Chancen. Hätte man sich diese Situation gewünscht? Natürlich nicht. Aber jetzt ist es die Aufgabe der Unternehmen auf das Unvermeidliche zu reagieren und zu schauen, was man daraus lernen kann.

Was könnte ein generelles Learning sein?

Ich glaube zum Beispiel, dass in Zukunft nicht mehr jede Dienstreise nach Fernost stattfinden wird. Wir haben uns sehr schnell mit anderen Methoden vertraut gemacht. Ich glaube auch, dass der lokale Handel noch nie so einen hohen Stellenwert hatte wie jetzt. Nicht nur auf Seite der Angebote, sondern auch aufgrund der Nachfrage-Situation. Diese Entwicklung sollten wir fortführen. Wie viel Komplexität ist in Supplychains wirklich notwendig? Kann sie wieder zurückgefahren werden? Das werden die Fragen sein, die wir uns im Nachgang stellen und beantworten werden. Ich bin mir fast sicher, dass wir nicht mehr zu so einer Feingliedrigkeit kommen werden. Denn die Verfügbarkeit ist nicht immer vorauszusetzen – wie wir jetzt gesehen haben.

In diesem Zusammenhang wurde nun oft das Schlagwort der Glokalität verwendet. Wie könnte eine gelungene Umsetzung aussehen?

Bislang wurde eine grenzenlose Verfügbarkeit aller Güter unterstellt. Es ging nur darum, möglichst kostengünstig zu produzieren und zu transportieren. Dieses System hat man vor Corona nur in Frage gestellt, weil die Umweltkosten sehr hoch waren. Jetzt zeigt sich, dass die Verfügbarkeit im Krisenfall nicht gegeben ist. Damit, dass man in einem Europa der grenzenlosen Reisefreizügigkeit, nicht einmal  mehr nach Bratislava kommt, hat natürlich niemand gerechnet. Wien hat in diesem Zusammenhang allerdings gewisse Vorteile, da wir immer auf eine hohe Produktivität im Großraum gesetzt haben und die Stadt zu einem guten Teil aus dem Umland versorgt werden kann.

Können Sie sich eine stärkere Renaissance von Handwerk und Produktion in der Stadt vorstellen?

Die Vorstellung gefällt mir natürlich. Um eine Wiedergeburt handelt es sich zum Glück nicht, denn die Produktion ist in Wien nie gestorben. Wien hat immer Produktion in der Stadt zugelassen. Um diesen Faktor zu stärken, haben wir schon lange vor der Krise ein Fachkonzept mit der Stadt Wien aufgesetzt, dass die Produktion in der Stadt als notwendig und wünschenswert ausweist. Diese Krise bestätigt uns sehr darin.

„Ich bin mir sicher, dass wir die Entbehrungen dieser Krise meistern werden.“

Die Stadt wächst pro Jahr um rund 15.000 Personen. Was bedeutet das für die Betriebe? Werden sie zunehmend verdrängt?

Verdrängungswettbewerb gibt es definitiv. Aber in dem genannten Fachkonzept haben wir festgehalten, dass zusammenhängende Betriebsbauflächen beibehalten werden. Auch die Stadt-Politik hat verstanden, dass es gut ist in Wien zu produzieren. Das ist auch eine Frage der Beschäftigung. Nicht alle Menschen können Dienstleister sein, es gibt auch viele begabte Handwerker. Wien ist eine Stadt der kurzen Wege. Es wäre nicht sinnvoll, wenn die Menschen auf der einen Seite schlafen und wohnen, ihre Freizeit in einem anderen Teil verbringen und dann wieder ganz wo anders arbeiten. Die Herausforderung ist natürlich komplex, da der Bedarf an Wohnraum steigt. Aber man kann Pufferzonen schaffen und den Verkehr entsprechend regeln. Satellitensiedlungen und weite Anfahrtswege will bestimmt niemand.

Aktuell ist Digitalisierung entscheidend dafür, wie gut Unternehmen durch die Krise kommen. Schon vor der Krise haben viele Betriebe die vorhandene Infrastruktur bemängelt. Wie gestaltet sich gerade die Lage?

Wir machen jetzt den Elchtest. Die Belastungssituation ist enorm und ich muss sagen: Hut ab vor der Netzqualiät. Es ist natürlich aber auch so, dass wir uns überlegen müssen, wo Wertschöpfung stattfinden soll. In allen Gemeinden Österreichs gibt es immer mehr EPU. Und es macht einen Unterschied, ob man im Waldviertel ohne Breitband ist und sich deswegen an einem anderen Standort ein Büro nehmen muss. Das verursacht unnötige Kosten. Ich wünsche mir deswegen höhere Investitionen in den Ausbau des Datenverkehrs. Sie machen sich bezahlt: bei den Ergebnissen der Betroffenen, aber auch gesamtwirtschaftlich, weil die Wertschöpfung gesteigert wird und die Umweltkosten sinken.

Wie wichtig gute Verbindungen sind, haben die letzten Wochen eindringlich gezeigt. Denken Sie, dass nun mehr Geld locker gemacht wird?

Es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Derzeit verlegt man Glasfaserkabel, indem man sie in Kinetten eingräbt. Es würde nur ein Zehntel kosten, würde man sie in den Asphalt einfräsen. Doch dafür braucht es Genehmigungen. Würden wir den technologischen Fortschritt nutzen, bekämen wir den zehnfachen Effekt. Doch das ganze Thema ist Work in Progress. Die Daten werden mehr und gleichzeitig werden die Bandbreiten ausgebaut. Klar ist, dass weiße Flecken weg müssen, die es auch noch in Wien gibt.

Mancher Betrieb hat jetzt gezwungener Maßen intensiver über digitale Alternativen nachgedacht. Wir sehen viele tolle Ideen. Was braucht es, um diesen Spirit mitzunehmen und den Standort stärker im Bereich Innovation zu positionieren?

Wann immer ich im Ausland unterwegs bin, merke ich, dass Wien als Stadt der Musik und Kultur bekannt ist. Aber die wenigsten Menschen wissen, dass wir die größte deutsche Universitätsstadt sind. Innovation entsteht immer im Zusammenhang mit Wissen und das entsteht auf den Unis. In den Branchen Lifescience und Biotec findet extrem viel statt. Wir stellen in diesen Bereichen unser Licht unter den Scheffel. Wien weist zudem österreichweit die höchste Quote an Dienstleistungsexporten auf. Auch das ist ein Humus, auf dem mehr wachsen kann.

Im Geleit der Krise wird nun auch vermehrt von einem Umbau der Wirtschaft in Richtung Ökosoziale Marktwirtschaft gesprochen. Werden Themen wie die Dritte Piste und der Lobau-Tunnel nach der Pandemie noch die gleiche Bedeutung haben?

Ja, das glaube ich. Der Lobau-Tunnel ist wichtig, um den neuen Stadtteil Seestadt Aspern zu erschließen. Wenn man einen neuen Stadtteil errichtet, müssen die Menschen ihn auch erreichen können. Das hat sich nicht geändert. Und wenn wir ein internationaler Standort sein wollen, dann stellt sich auch in Zukunft die Frage der Konnektivität. Ich glaube, dass Wien ein internationaler Standort ist und bleiben wird. Gute Flugverbindungen zu haben, macht für Standortentscheidungen einen wesentlichen Unterschied. Das wird sich ebenfalls nicht ändern.

Haben Sie ein Bild im Kopf, wo Wien in einem Jahr steht?

Ich bin von dem Standort und seinen Wirtschaftstreibenden überzeugt. Ich bin mir sicher, dass wir die Entbehrungen dieser Krise meistern werden und dass wir mit einer gewissen Distanz sagen können, dass wir etwas daraus gelernt haben.

Das Interview führte Mag. Stephan Strzyzowski / Chefredakteur – Die Wirtschaft. Newsletter Anmeldung: www.die-wirtschaft.at/newsletter

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